#1 Wie verarbeitet ihr eure Trauer?

Es wird über Tod und Trauer gebloggt, und darüber bin ich froh. Ich bin Cordelia Wach und möchte in diesem Blog, der sich gerade aus der Onlineplattform da-sein.de entwickelt (siehe Über und www.da-sein.de), Texte und Gedanken mit euch teilen, die mich beeindruckt haben und es immer noch tun. Schreiben statt schweigen.

Als Teamleiterin von da-sein.de werde ich immer wieder gefragt, wie das gehen kann: Sterbende und trauernde junge Erwachsene online zu begleiten.

Ich bin überzeugt von der Kraft und den Möglichkeiten des Schreibens, und somit ist auch da-sein.de ein Angebot für Menschen, die über dieses Medium ihre Gefühle und Gedanken verarbeiten. Wie diese junge Frau, die nicht genannt werden möchte und ihre Trauer in einen Poetry Slam gefasst hat:

Ich? Ich bin hier. Und du? Du bist fort. Fort aus meinem Leben. Bist nachts gegangen. Einfach so.
Ich sage ja gar nicht, dass du gehen wolltest, aber trotzdem hast du es getan.
Du hast mich, hast uns einfach so zurück gelassen. All jene, die du liebst und all jene, die dich lieben. Die dich lieben und dich brauchen. Ich brauche dich. Verdammt Papa! Ich brauche dich! Ich bin doch quasi noch ein Kind. Ich bin nicht bereit, das Leben ohne dich zu meistern.
Wen soll ich um Rat bitten, wenn ich in der Uni etwas nicht verstehe?
Wen soll ich nach Hilfe fragen, wenn mein Fahrrad nicht mehr fährt?
Und mit wem, verdammt mit wem, soll ich mich jetzt über Welt und Weltraum unterhalten?
Mit wem soll ich die lustigsten Tweets und die grausigsten Nachrichten teilen?
Hmm? Kannst du mir das mal bitte sagen? Mit wem, Papa? Mit wem?
Du hast ein Loch in mein Leben gerissen, ein Loch das keiner füllen kann. Und das nur, weil dein bescheuertes Herz meinte, es könne sich das Recht nehmen, aufhören zu schlagen. Scheiß Herz, was du da hast, Papa. So viel Platz du für uns in deinem Herzen hattest, so sehr hasse ich es, dass es uns dich genommen hat. Einfach so.
Ich stehe nun also in einer fremden Stadt, umgeben von fremden Menschen, weiß nicht wer ich bin und was ich soll und will doch eigentlich nur ein kleines „Das wird schon!“ von dir hören. Drei kleine Worte, die mich nicht aufgeben lassen, die mir sagen, dass ich das schaffe.
Du warst immer derjenige, der mir Mut gemacht hat, wenn ich am Verzweifeln war, wenn ich alles hinschmeißen wollte, wenn ich nicht mehr konnte. Doch jetzt? Jetzt bist du fort. Und ich? Ich bin hier. Hier allein in einer fremden Stadt.
Ich weiß nicht was ich soll und wie ich soll und wo ich soll, warum ich soll.

Die Verfasserin hat der Veröffentlichung zugestimmt.

Und ich würde mich freuen, wenn ihr mir schreibt, was für euch in eurem Trauerprozess hilfreich war. Gerne veröffentliche ich auch eure Texte hier.

4 Gedanken zu “#1 Wie verarbeitet ihr eure Trauer?

  1. Dirk Wolf sagt:

    Ich habe aktuell keinen Trauerfall zu verarbeiten. Dennoch hat mich der Text sehr bewegt und(fast) zum Weinen gebracht. Was steckt hinter dem Aufschrei des Kindes, das seinen Vater vermisst? War der Vater krank, war es ein Unfall, hat er sich selbst getötet? Scheinbar war wenig Zeit, sich zu verabschieden. Ist dann der Schmerz größer? Ich weiß es nicht.
    Ich bin Vater von drei Kindern und musste mir vorstellen, dass eines meiner Kinder diesen Text schreiben könnte.
    Habe ich – jetzt im Leben – ein so gutes Verhältnis zu meinen Kindern, wie es im Text durchscheint? Vor dem Hintergrund, was alles ungesagt und ungetan bleiben muss, wenn ein lieber Mensch plötzlich aus dem Leben geht, tritt so viel scheinbar Schwieriges, das man jeden Tag tut und sagt, ich denke tuen zu müssen und denke sagen zu müssen, in den Hintergrund.
    Welch wunderbares Geschenk ist das Leben. Vielleicht rührt mich am Thema Trauer so sehr, dass ich diese Freude über das Leben nicht erst im Angesicht der Trauer und Rückblick auf das Leben sehen und spüren möchte.
    Jeden Tag leben, in allen Farben, um dann, wenn die Trauer kommt, auch diese leben zu können.

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  2. Cordelia sagt:

    Hallo Dirk,
    schön, dass du deine Gedanken hier mit-teilst.
    An deinem letzten Satz gefällt mir der Blickwinkel, dass Trauerzeit auch Lebenszeit ist. Wenn es gelingt, diese traurige Zeit nicht nur durchzustehen, sondern zu gestalten, entstehen dadurch oft neue Wege mitten ins Leben hinein.

    Gefällt 1 Person

  3. Anni Side sagt:

    Obwohl ich nicht selbst von einem solchen Trauerfall bin, sind mir grad die Tränen gekullert. Alles Gute der Autorin und ich wünsche ihr nur das Beste im Leben! ♥

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