#2 „In meinem Inneren ist Ungewissheit“

Besonders bewegt hat mich in den Anfängen von da-sein.de eine junge Frau, die wir über einige Monate begleiten durften.

Im Oktober 2013 schrieb sie in ihrer 1. Mail: Hallo liebes da-sein Team, Mein Name ist Marie* und ich bin 17 Jahre alt. Ich hoffe sehr, dass ich mit meinem Kummer bei euch richtig bin. Vor etwa zwei Jahren haben die Ärzte Knochenkrebs bei mir diagnostiziert, seither lebe ich nun mit dieser Diagnose. Ich habe Angst. Große Angst. Ich traue mich nicht mit jemandem über diese Angst zu sprechen. Nach außen bin ich stark für meine Familie und meine Freunde. Aber in meinem Inneren ist alles voller Angst und Ungewissheit. Ich möchte nicht, dass jemand aus meinem Umfeld von meinen Sorgen erfährt. Ich will sie nicht noch mehr belasten als ich es so schon tue. Sie sind alle so stolz auf mich und meine Stärke. Sie bewundern mich. Ich möchte sie nicht enttäuschen. Vielleicht kann ich bei euch ein wenig Platz finden, um über meine Sorgen und Ängste zu schreiben? Liebste Grüße

Ca. 30 Mails später erreichte uns der Abschiedsbrief von Marie an ihre Freunde und ihre Peerberaterin von da-sein.de:

Hallo meine Lieben, wenn ihr das lest, bin ich schon im Himmel und schau auf euch herunter. Ihr könnt mich nicht sehen, aber ich sehe euch. So oder so ähnlich stelle ich mir das jedenfalls vor, ob das wirklich so ist, kann ich euch jetzt im Moment, in dem ich diese Zeilen verfasse, nicht sagen, aber wenn ihr das lest, bin ich schon schlauer! Wie ihr wisst, liebe ich das Buch und den Film „P.S. Ich liebe Dich“. Keine Angst, ihr werdet jetzt nicht jeden Monat von mir eine Nachricht bekommen, in der ihr eine Aufgabe lösen müsst. Obwohl, es hätte was. Nein, Spaß beiseite. Aber einen letzten Wunsch habe ich noch. Ihr könnt gerne weinen auf meiner Beerdigung, aber bitte nicht die ganze Zeit. Ich möchte, dass ihr weint und dann aber auch fröhlich seid. Ihr sollt lachen, an die schönen Momente, die wir gemeinsam erlebt haben, denken, euch davon erzählen und alles in guter Erinnerung behalten. Und von diesen schönen Momenten gibt es unzählige!! Und kommt ja nicht in Schwarz auf meine Beerdigung. Zieht euch bunte, fröhliche Klamotten an, so wie ihr euch gerne kleidet. Und dann möchte ich, dass ihr alle einen Luftballon in den Himmel steigen lasst, mit euren Namen drauf und einer kleinen Botschaft für mich im Luftballon drin. Ich möchte ja auch was zu tun haben dort oben. Ihr wisst ja: Nicht ist schlimmer für mich als Langeweile. Und jetzt mein allerletzter Wunsch: Bleibt wie ihr seid und genießt euer Leben. Nun bleibt mir noch eines zu sagen: DANKE.

Marie ist am 26.12.2013 zu Hause gestorben. Bis heute bin ich mit dem ältesten Bruder von Marie in Kontakt. Stück für Stück hat sich – wie er mir geschrieben hat – die Welt für die Familie wieder neu und anders zusammengesetzt.

*Die Familie hat der Veröffentlichung der Korrespondenz zugestimmt, der Name ist geändert.

 

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