#22 „Es ist noch immer nicht vorbei“

Kennt Ihr das Gefühl von unerklärlicher Angst, Bedrücktheit und innerer Schwere bis hin zu Fantasien über eine diffuse, allgegenwärtige Bedrohtheit?

Auszüge aus einem Gespräch von Fabian Dietrich, Journalist bei der Zeitschrift fluter (herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung / Nr. 65) mit Angela Moré, Professorin für Sozialpsychologie, die erforscht, wie Traumata von einer Generation an die nächste weitergegeben werden:

fluter: Wie kann es sein, dass manche Menschen heute noch Probleme mit Dingen haben, die ihre Eltern oder Großeltern in der Vergangenheit (wie im Zweiten Weltkrieg) getan und erlebt haben?

Manchmal empfinden junge Menschen etwas als ihr eigenes Problem, dessen Ursache in einer früheren Generation liegt. Daher kommt der Begriff „Trauma“: Es sind (…) Wunden, die nie vollständig verheilen, sondern vernarben und häufig weiter schmerzen. Das transgenerationale Erbe ist so etwas wie ein Phantomschmerz in den nachkommenden Generationen. Es ist inzwischen nachgewiesen, dass Traumata die Gene verändern können, aber sie werden nicht eins zu eins vererbt. Kinder sind nicht nur passive Empfänger der meist unbewussten Botschaften der Eltern: Sie nehmen das, was sich atmosphärisch im familiären Klima zeigt, aktiv auf. Natürlich beeinflusst ein Kind auch umgekehrt die Erwachsenen. Es ist keine einseitige Weitergabe, sondern ein emotionaler Kommunikationsprozess.

Viele Eltern wollen ihre Kinder vor dem Bösen in der Welt schützen und verschweigen ihnen deshalb, wenn etwas Schlimmes in der Familie passiert ist.

Das Spannende ist, dass ein Kind oft ganz genau spürt, wenn etwas verborgen werden soll, weil es den anderen verstehen will. (…) Das sind Rätsel für das Kind, die es sich erklären will.

Wie kann man bei all dem Ballast aus der Vergangenheit vermeiden, dass man sein Traumata unbewusst an die eigenen Kinder weitergibt?

Indem Sie sich damit auseinandersetzten. Sie geben es dann nicht weiter, wenn Sie es in eine bewusste erzählte und bearbeitete Geschichte verwandeln. Das ist das Paradox. Wenn Sie mit Ihrem Kind irgendwann darüber sprechen, ist die Gefahr, dass es Ihr Trauma übernimmt, geringer.

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