#27 Eigentlich ist man immer irgendwo II

Nun weiß ich genau, wann ich meinen Vater das letzte Mal lebend gesehen habe. Das gehauchte, für ihn sehr anstrengende „Tschüss“ am Ende unserer letzten Begegnung war tatsächlich kein „auf Wiedersehen“.

Mein Vater ist tot, gestorben heute Morgen, friedlich, leise, ohne Schmerzen. Ich bin auf dem Weg in die Wohnung meiner Eltern, um Abschied zu nehmen von meinem Vater. Auf dem Bahnhof bin ich ein Fremder im Strom der Reisenden, nicht sichtbar in deren Kosmos, wie eingefügt in ein Bild, zu dem ich nicht gehöre. Dinge verschwimmen zur Bedeutungslosigkeit.
Bilder der Erinnerung fliegen durch meinen Kopf, was meine Haltlosigkeit eher verstärkt. Ich versuche einzelne Bilder festzuhalten, eher fest zu halten, damit ich Halt habe: dieser Schritt, dieser Atemzug. Meine Zeit ist aus den Fugen geraten. „Nichts bleibt, außer der Wechsel“, das ist leicht nachgesagt. Da wir in einem Nicht-Bleiben nicht leben können, schaffen wir uns Bleibendes, aber eben nur scheinbar Bleibendes, um uns einzurichten in unserem Leben.
Nun ist das Leben meines Vaters aber zu Ende, der Tod ist da, und es bleiben die Erinnerungen. Es werden keine neuen Erinnerungen mehr dazu kommen. Welche also kann, soll, will ich festhalten? Die Angst vor dem Vergessen schmerzt. Es kann doch nicht einfach so weitergehen…?
Fest halten … eine Aufzählung aller Erinnerungen würde viele Seiten dicker Bände füllen, und wie bekomme ich das Verbindende dazwischen zu fassen, das, was das Leben ausmacht, was mein Leben mit meinem Vater ausmachte?
Der Verlustschmerz in der Trauer ist vielleicht weniger ein rückwärtsgewandter und mehr ein zukünftiger. Was werde ich alles vergessen? Was darf ich nicht vergessen? Also will ich ein Netz auswerfen in den Strom der Zeit, um etwas herauszufischen, dass es nicht mehr wegschwimmen kann.

Mein Sohn zeichnete vor wenigen Tagen seinen sterbenden Großvater. In den wenigen Strichen dieser Zeichnung finde ich einen Kondensationskeim für meine Erinnerungen. Der Moment ist eingefangen und es bleibt genug Freiraum, um selbst ein Gedankenbild zu malen. Jede Form dieser Verarbeitung ist tröstend, denn sie weist wieder zurück ins Leben und die eigene lebendige Zukunft, die manchmal so schal erscheint nach dem Tod des Vaters.
Wie kann ich meinem toten Vater begegnen?
Die Tür ist angelehnt, eine andere Welt wartet dahinter. Mein Vater liegt in seinem Bett, sein Körper erkaltet. Ich bin froh, dass er zu Hause sterben durfte und ich ihn in vertrauter Umgebung antreffe. Noch „er“, nicht „Leichnam“, noch bin ich ihm näher als der Tod ihm. Da liegt er, wenn ich ihn anfasse, ist sein Körper kalt, steif, seine Haut fühlt sich noch an wie Haut. Auch hier ist der Übergang vom Leben ins Totsein keine scharfe Grenze, eher ein weiches Hinübergleiten. Ich lege ihm meine Hand auf die Stirn, streichle ihn. Meine letzte Zeit mit ihm. Ich rede mit meinem Vater, halte seine Hand so lange, bis sie wieder warm ist von meiner Wärme.
Ich rede alleine mit ihm und komme bei ganz viel Dankbarkeit an für all das, was dieser beste Papa der Welt für mich, seine Familie und später seine Enkel getan hat. Ich sehe heute auch, dass all das, was er nicht getan hat, weil er es nicht konnte und was mir so fehlte, die Chancen waren für mich zu wachsen. Ich stehe heute neben ihm, der tot im Bett liegt. Ich küsse seine Stirn und sage „Tschüss“. Die einen gehen, die andern bleiben da.

Dirk, 52 hat das Sterben seines Vaters begleitet und in 3 Teilen (Blogs #26-28) darüber geschrieben. Die Zeichnung in diesem Beitrag stammt von seinem Sohn Paul, 21. Danke für die Möglichkeit, diese Texte und Bilder hier zu veröffentlichen.

Blog #28 geht dann am 15.03.2019 online.

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