#67 Sommerinterview mit Thilo Papenroth – „Wie verletzlich wir sind“

Der Fragebogen zum Thema Verlust, Tod und Trauer. Inspiriert vom wöchentlichen politischen Fragebogen der ZEIT stelle ich ab sofort Menschen von nebenan, aus unseren Reihen sowie dem öffentlichen Leben in und um Oldenburg stets dieselben 20 Fragen, um zu erfahren, was sie als denkende und fühlende Menschen in Bezug auf das Thema ausmacht – und wie sie dazu wurden.

Thilo Papenroth, 24, Student der Humanmedizin im 9. Semester. Ehemaliger Peerberater bei da-sein.de. Wichtig ist ihm der Kampf gegen Rassismus, Klassismus, Antisemitismus, Sexismus und jede weitere Art von Diskriminierung, die die Würde des Menschen antastet, weil sie unantastbar ist.

1 Welcher Verlust-Moment hat dich geprägt?
Die Tode meiner beiden Großeltern vor drei Jahren haben insbesondere Spuren hinterlassen, der Vater meines Vaters und die Mutter meiner Mutter sind in dieser Zeit nur ein halbes Jahr nacheinander nach langen Erkrankungen verstorben. Interessanterweise ist mir der Tod meines Großvaters prägender in Erinnerung, aber das liegt sicherlich daran, dass ich dort bewusste Veränderungen auch an mir und meiner Sicht auf die Welt zugelassen und verfolgt habe. Seitdem ist der Kontakt zu meiner letzten Großmutter auch deutlich intensiver, weil ich leider zwei Todeserfahrungen in meiner Familie brauchte, um zu erkennen: Deine Zeit mit diesen Menschen ist begrenzt.

2 Was ist deine erste Erinnerung an den Tod?
Da fällt mir tatsächlich der Tod von „Onkel“ Erich ein, der der Onkel des Lebensgefährten meiner Großmutter gewesen ist. Ich erinnere mich nur daran, ich muss fünf oder sechs gewesen sein, dass meine Eltern weinend im Wohnzimmer saßen und ich nicht verstand, was passiert sein soll. Von da an habe ich wahrscheinlich begriffen, dass der Tod bedeutet, einen Menschen nie wieder sehen zu können – sondern mir nur bleibt, ihn in meinen Gedanken und meinem Herzen zu tragen.

3 Hast du eine Überzeugung, die sich mit den gesellschaftlichen Konventionen von Trauer nicht verträgt?
Ich bin ein sehr unreligiöser Mensch, deshalb verträgt sich eher meine eigene Vorstellung des Todes nicht mit meinem Atheismus, ich bin mir selbst gegenüber gewissermaßen unkonventionell. Vor ein paar Jahren hätte ich geantwortet, dass nach dem Tod nichts auf uns wartet, dass da einfach nichts ist, alles vorbei, Schluss, Aus, Ende. Mittlerweile habe ich mir, ja, das meine ich so, eingeredet, dass da etwas ist, dass sich die verstorbenen Menschen aus meinem Umfeld (und die aller anderen, so sie denn möchten) irgendwo versammeln und wiedertreffen, dass sie nun erlöst sind von ihren Leiden und nun endlos glücklich sein dürfen. Das hat es mir deutlich erträglicher gemacht, Verluste zu verstehen und anzunehmen.

4 Wann hast du aus dem Gefühl eines erlittenen Verlustes heraus geweint?
Das habe ich sicherlich schon einige Male, bei jedem Menschen, der gestorben ist und den ich kannte, habe ich eine ehrliche Trauer empfunden. Aber mir passiert es auch, dass ich über die Verluste von Menschen heraus weine, die persönlich nichts mit mir zu tun haben, denen ich mich aber dennoch im Herzen verbunden fühle. Dazu gehören Geflüchtete, die im Mittelmeer ertrinken, Opfer von Krieg und Gewalt. Und sicherlich noch einige andere, deren Schmerz mich zum Weinen bringt.

5 Hattest du schon mal das Gefühl, unsterblich zu sein?
Ich glaube, ich habe dieses Gefühl nicht für mich alleine, sondern in großen Momenten von erlebter und gelebter Solidarität wunderbarer Menschen miteinander. Ich bekomme dann das Gefühl, dass das, wofür ich stehe, und andere offensichtlich auch, unsterblich ist, wenn wir nur gemeinsam für eine bessere Welt einstehen und kämpfen. Manchmal fühle ich mich unverwundbar, aber zur gleichen Zeit weiß ich, dass ich sterben könnte, aber das kann mir in diesen Momenten dann nichts anhaben.

6 Wann hast du dich besonders ohnmächtig gefühlt?
Ich schätze, dass ich das in jedem Moment getan habe, in dem Freund*innen und Familie von Verlusten erzählt haben und ich dazu nichts sagen konnte, weil ich einfach nicht wusste, was es zu sagen gibt. Aber seitdem ich bei da-sein.de tätig sein durfte, passiert mir das sehr selten, weil ich weiß, dass es nicht darum geht, was ich sage, sondern darum, dass ich zuhöre und verstehe. Wenn ich vor neuen Herausforderungen stehe, kommt ein kleines Gefühl von Ohnmacht, dann rufe ich mich zu Geduld und Aufmerksamkeit und versichere mir, dass das schon wird. Das hilft mir sehr oft.

7 Wenn die Welt in einem Jahr untergeht – was wäre bis dahin deine Aufgabe?
Alle Menschen für dieses Jahr möglichst zueinander zu bringen. Ich würde dieses Jahr als letzten Anlass begreifen, alle Formen von -ismen, wie Sexismus, Rassismus, Klassismus (und da gibt es noch einige weitere, weiter geht es mit Gewalt, Ausbeutung usw.) für dieses eine Jahr endgültig sein zu lassen und somit zu ermöglichen, dass alle Menschen das Recht und die Möglichkeit darauf haben, noch einmal genauso glücklich und befreit sein zu können, wie alle nicht betroffenen Menschen auch. Entweder dieses Jahr wird für alle gleich gut oder schlecht, die Hauptsache wäre mir, es wäre endlich mal gerecht.

8 Bist du lieber dafür oder dagegen?
Ich bin gern beides. Aber ich bin selten einfach dagegen, ohne bei etwas dafür zu sein. Wenn ich mich wehre, dann nur, weil das, wogegen ich mich wehre, dem zuwider ist, wofür ich bin. Und dann halte ich dagegen. Darüber hinaus versuche ich, ein positiver, optimistischer Mensch zu sein, und glaube, dass wir nur dann schöne Entwicklungen in unserer Gesellschaft haben können, wenn wir dafür sind, also Visionen haben.

9 Welche Überzeugungen in Bezug auf den Tod hast du über Bord geworfen?
Ich habe die Überzeugung verworfen, dass da nach dem Sterben nichts mehr kommt. Ich kann nicht akzeptieren, dass es dann einfach vorbei ist, sondern ich wünsche mir, dass es etwas danach gibt, nach dem irdischen Leben. Es muss kein Himmel sein, kein Paradies, aber irgendetwas, wo sich unsere Herzen wiedertreffen, nachdem wir von dieser Welt geschieden sind.

10 Hast du bereits eine/n Freund*in betrauert? Bisher habe ich das Glück gehabt, dass meine Freund*innen weder schwer krank waren noch welche von ihnen bisher gestorben sind. So habe ich mit ihnen getrauert, aber nicht um sie, wenn Menschen aus ihrem Umfeld zu Tode gekommen sind.

11 Welche Ansicht deiner Eltern zum Thema Tod und Trauer war dir als Jugendlicher peinlich?
Ebendiese Ansicht, dass Menschen nach dem Tod in den Himmel aufsteigen würden und auf uns hinab schauen. Mir ist es nach dem Tod meiner Großeltern eine Zeit lang unangenehm gewesen, wenn meine Eltern, insbesondere jedoch meine Mutter, gesagt haben, sie schauten als meine Schutzengel immer auf mich hinab, an wolkigen Tagen seien sie da, an sonnigen eben nicht. Das kam mir so kitschig vor – und doch finde ich es jetzt wunderschön.

12 Welche Phrase zum Thema möchtest du verbieten?
Damit bin ich vorsichtig, etwas zu verbieten. Uns steht oft im Weg, denke ich, dass wir den Eindruck haben, etwas sagen zu müssen, auch wenn wir eigentlich nichts zu sagen haben, weil wir überfordert sind. Dann sollten wir schweigen, zuhören und ehrlich mitfühlen.

13 Ist der Tod ein Mann oder eine Frau – oder divers?
Das Schöne – aber auch das Schreckliche, dadurch auch das Unfassbare – am Tod ist ja, dass er uns alle ohne jeglichen Unterschied irgendwann trifft. Deshalb ist der Tod weder Frau, noch Mann, noch divers, er ist ohne Geschlecht, weil er gleichzeitig existiert und eben nicht. Der Tod ist die absolute Gleichmachung all der Unterschiede, mit denen wir uns im Leben aufhalten, ohne Form, ohne Kontur. Er ist alles und nichts zugleich. Er ist Gerechtigkeit.

14 Und die Trauer?
In der Gesellschaft, in der wir leben, wie sie im Moment ist, würde ich aus den Attributen heraus, die ich dem Weiblichen zuschreibe, sagen, dass Trauer eine Frau sei. Aber das ist der Art und Weise geschuldet, wie ich sozialisiert worden bin. Viel mehr ist die Trauer eine Farbe, ein tiefes, sattes, unendliches Blau, mit einem deutlichen weißen Punkt in der Mitte.

15 Was fehlt unserer Gesellschaft in Bezug auf Trauer?
Akzeptanz, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, aber auch Mut. Ich denke, wir sind alle überfordert mit der Emotion der Trauer, und eben auch mit Verlusten, ganz egal, ob wir tagtäglich damit konfrontiert sind oder nicht. Keinem Menschen fällt es leicht, zu verlieren, was nicht wiedergefunden werden kann. Deshalb sollten wir akzeptieren, dass wir trauern. Sollten aufrichtig mit uns selbst und den Menschen um uns herum sein. Und ehrlich sagen, wie es uns geht. Aber auch den Mut haben, und das ist vielleicht das Schwierigste, uns der Trauer richtig hinzugeben und sie anzunehmen, ja, sie zu umarmen.

16 Bist du Teil der Lösung eines relevanten gesellschaftlichen Problems?
Ich hoffe doch! Ich denke, dass ich einen gewissen positiven Einfluss auf mein Umfeld habe oder haben kann, das kann ich ja selbst schlecht bewerten. Ob das für die Gesellschaft relevant sein wird, wird die Zukunft zeigen. Doch sehe ich bei mir auch die Verantwortung, gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben und weiterzutragen, deshalb möchte ich Teil der Lösung sein.

17 Ein Buch über Tod und Trauer, das man gelesen haben sollte.
„Alles, was wir geben mussten“ von Khazuo Ishiguro. Ein Buch, das so wunderbar die Endlichkeit eines jeden Menschen deutlich macht. Und wie gleichgültig damit umgegangen werden kann, aber das ist nichts Gutes.

18 Der beste Witz über den Tod?
Ich halte den Tod für manchmal ironisch, zuweilen zynisch, aber nicht für humorvoll. Deshalb kann ich keinen Witz nennen und mache (nüchtern), glaube ich, auch keine.

19 Hast du Angst vor dem Sterben?
Ja, und dann freue ich mich immer wieder, doch am Leben zu sein. Angst habe ich am meisten davor, in dieses Nichts hinüberzutreten, an das ich nicht mehr glaube(n will), aber innerlich so ein Realismus in mir nörgelt, dass es doch ein Nichts sein wird. Angst habe ich auch davor, zu sterben, ohne jemals gegolten zu haben, als Person in dieser Gesellschaft, in meinem Umfeld.

20 Was macht dir Hoffnung?
Wenn wir Menschen uns miteinander in großer Solidarität zueinander verhalten. Jede Person, die sich einsetzt, für Sterbende, für Kranke, für Diskriminierte, für Benachteiligte, für Ausgegrenzte, für Ausgeblendete, für Herabgewürdigte, für Illegalisierte, für Geflüchtete, für Rettende, für Helfende, macht mir Hoffnung darauf, dass wir uns auf einem guten Weg sind, von dem ich Teil sein will.

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