#68 Sommerinterview mit Barbara Schmitz-Lenders – „Wie verletzlich wir sind“

Der Fragebogen zum Thema Verlust, Tod und Trauer. Inspiriert vom wöchentlichen politischen Fragebogen der ZEIT stelle ich Menschen von nebenan, aus unseren Reihen sowie dem öffentlichen Leben in und um Oldenburg stets dieselben 20 Fragen, um zu erfahren, was sie als denkende und fühlende Menschen in Bezug auf das Thema ausmacht – und wie sie dazu wurden.

Barbara Schmitz-Lenders, 56 Jahre
Puppen- und Schauspielerin, Mutter

1 Welcher Verlust-Moment hat dich geprägt?
Der Moment, als mein Vater unsere Familie verlassen hat, nicht weil er starb, sondern weil meine Eltern sich trennten. Meine Mutter war daraufhin für Monate krankheitsbedingt in einer Klinik und wir vier Kinder waren quasi auf uns alleine gestellt. Dieser Verlust an Sicherheit prägt mein Leben bis heute.

2 Was ist deine erste Erinnerung an den Tod?
Als ich 14 Jahre alt war, starb mein Großvater. Ich kann mich nicht daran erinnern, vorher schon mit dem Tod eines Menschen, der mir nah war, konfrontiert gewesen zu sein.

3 Hast du eine Überzeugung, die sich mit den gesellschaftlichen Konventionen von Trauer nicht verträgt?
Ich glaube, Trauer kann so viele Formen haben, dass sie nicht immer in gesellschaftliche Konventionen passen kann. Es darf kein Richtig und Falsch diesbezüglich geben: wem es hilft, zu weinen, der weine, wer reden möchte, soll reden, wer tanzen will, tanze usw. Diese Vorstellung von Freiheit, mit Trauer umzugehen, verträgt sich vielleicht schon nicht mit gesellschaftlichen Konventionen von Trauer. Aber ich denke, da wächst immer mehr Freiheit und Offenheit.

4 Wann hast du aus dem Gefühl eines erlittenen Verlustes heraus geweint?
Als ich eine Fehlgeburt erlitt, habe ich eine Woche lang durchgehend geweint. Das half mir, den Verlust des ungeborenen Kindes zu verarbeiten. Danach kam die Trauer zwar in Schüben immer wieder, aber ich lernte, mit ihr zu leben.

5 Hattest du schon mal das Gefühl, unsterblich zu sein?
Wenn ich sehr glücklich bin und mich sehr lebendig fühle, ist das ein Gefühl von Unsterblichkeit.

6 Wann hast du dich besonders ohnmächtig gefühlt?
Als ich eine Krebsdiagnose bekam und das Gefühl hatte, es passiert etwas mit mir, auf das ich keinen Einfluss habe und dem ich total ausgeliefert bin.
Und als mein Vater starb und es keine Möglichkeit gab, nochmal zu sprechen oder Versäumtes nachzuholen oder ihm zu helfen.

7 Wenn die Welt in einem Jahr untergeht – was wäre bis dahin deine Aufgabe?
Mich für ein lebendiges, faires Miteinander in meinem Umfeld einzusetzen und zu versuchen, es denen leichter zu machen, die es schwer haben.

8 Bist du lieber dafür oder dagegen?
Ich unterstütze Ideen und Vorhaben, freue mich über Impulse, bejahe sie, bin eher dafür – kenne aber auch Momente, in denen ich Zweifel äußere und Gegenargumente vorbringe. Bewege mich also eher zwischen dafür und dagegen hin und her.

9 Welche Überzeugungen in Bezug auf den Tod hast du über Bord geworfen?
Dass er nur sinnlos und grausam ist. Es macht schon Sinn, dass sich alles erneuert, etwas stirbt und Neues geboren wird, der Mensch sich verwandelt und die Erde wieder verlässt. Wenn wir alle in der materiellen Form auf der Erde bleiben, gibt es einen Kollaps und keinen Platz für neues Leben.

10 Hast du bereits eine/n Freund*in betrauert?
Vor 3 Jahren starb eine Freundin von mir. Obwohl ich wusste, wie krank sie ist, habe ich immer geglaubt, es passiert ein Wunder und gerade sie stirbt nicht, weil sie eine ganz besondere Kraft und Magie in sich hatte.

11 Welche Ansicht deiner Eltern zum Thema Tod und Trauer war dir als Jugendliche peinlich?
Ich kann mich an keine erinnern. Meine Mutter ist dem Tod nie aus dem Weg gegangen, hat Verwandte beim Sterben begleitet und immer mit uns Kindern offen darüber gesprochen, was sie erlebt hat. Es ging nicht um Ansichten, es hatte etwas ganz Selbstverständliches, Verbindliches.

12 Welche Phrase zum Thema möchtest du verbieten?
Alle, die nur so daher gesagt werden und nicht mit einem ehrlichen mitfühlenden Gespür verbunden sind. Ohne dieses wird jeder gesprochene Trost-Satz zur Phrase.

13 Ist der Tod ein Mann oder eine Frau – oder divers?
Der Tod ist für mich kein Wesen, sondern ein Zustand oder ein Prozeß oder eine Vision – das weiß ich noch nicht. Aber keine Person, der ich ein Geschlecht zuordnen könnte.

14 Und die Trauer?
Die Trauer ist vielleicht eher eine Frau, da ihre Emotionalität eher der Weiblichkeit zugeordnet wird. Aber natürlich ist es ein Gefühl, das in allen Menschen lebt.

15 Was fehlt unserer Gesellschaft in Bezug auf Trauer?
Die Fähigkeit, Trauer „auszuhalten“, dasein zu lassen. Trösten bedeutet oft, die Trauer soll aufhören. Manchmal fehlt der Mut, auf trauernde Menschen zuzugehen, weil man Angst hat, etwas „Falsches“ zu sagen und man selber die eigene Sprachlosigkeit nicht aushält.
Ich denke, es wäre hilfreich, die Trauer zu unterstützen, ihr Raum und Akzeptanz zu geben. Vielleicht neue Formen und Rituale dafür zu finden. Und dem/der Trauernden einen sicheren Raum und Rahmen zu geben, in den er/sie sich fallen lassen kann, ohne sofort funktionieren zu müssen.
Trauer wird manchmal auch totgeschwiegen, wie zum Beispiel bei dem Verlust eines ungeborenen Kindes. Darauf zu reagieren, fällt vielen Menschen schwer und sie gehen lieber darüber hinweg, weil „das war ja noch gar nicht richtig da“. Dieses Verhalten wird dem Schmerz über den Verlust nicht gerecht.
Ich glaube, dass eine gute Entwicklung im Umgang mit Trauer eingesetzt hat, seit es Hospize gibt und Vereine wie „Trauerland“, die sich z.B. explizit um trauernde Kinder kümmern.

16 Bist du Teil der Lösung eines relevanten gesellschaftlichen Problems?
Da ich Teil vieler relevanter gesellschaftlicher Probleme bin, bin ich natürlich auch Teil der Lösung, wenn ich etwas verändere, z.B. den Klimawandel durch verändertes Verhalten aufzuhalten oder mich gegen Diskriminierungen einzusetzen. Es gibt kaum ein gesellschaftliches Thema, das nicht jeden von uns betrifft, als Teil des Problems und als Teil der Lösung.

17 Ein Buch über Tod und Trauer, das man gelesen haben sollte.
Ich habe gerade „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky gelesen. Es geht um den Tod und vor allem um das Leben und hat mich sehr berührt.

18 Der beste Witz über den Tod?
(Der beste?) Woody Allen: “ Ich habe nichts dagegen, zu sterben. Ich will nur nicht dabei sein, wenn’s passiert.“

19 Hast du Angst vor dem Sterben?
Manchmal ja, manchmal nicht. Ich versuche, ein Vertrauen zu entwickeln, das mir sagt: es wird alles so kommen, wie es sein soll. Die Kraft, auch diesen Schritt gut zu schaffen, wird mir das Leben mitgeben. So ähnlich habe ich mich auch auf die Geburten meiner Kinder vorbereitet und sie voll Vertrauen auf mich zukommen lassen: es nützt ja nichts, das Kind ist in meinem Bauch drin und wird da rauskommen. So ist es wohl auch mit dem Leben: ich bin nun mal drin und irgendwann muss ich es wieder verlassen…

20 Was macht dir Hoffnung?
Dass ich viel Liebe in meinem Leben erfahren und weitergegeben habe.
Dass ich Kinder und Enkel habe, die ich getragen habe und die mich tragen und die der Inbegriff von Leben und Hoffnung sind und mit jeder Generation vielleicht ein wenig heiler und klüger und reifer werden.

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