#69 Sommerinterview mit Gloria Blau – „Wie verletzlich wir sind“

Der Fragebogen zum Thema Verlust, Tod und Trauer. Inspiriert vom wöchentlichen politischen Fragebogen der ZEIT stelle ich Menschen von nebenan, aus unseren Reihen sowie dem öffentlichen Leben in und um Oldenburg stets dieselben 20 Fragen, um zu erfahren, was sie als denkende und fühlende Menschen in Bezug auf das Thema ausmacht – und wie sie dazu wurden.

Gloria Blau, 24 Jahre, Musikerin und Songwriterin. Auf ihrer aktuellen EP „Wenn es dunkel bleibt“ verarbeitet Gloria den Verlust und die Trauer um ihren verstorbenen Bruder. Es ist ihr ein Herzensanliegen, über das Tabuthema Trauer zu sprechen, und so ein bisschen Verständnis dafür zu erschaffen.
Ihr aktuelles Musik-Video „Lavendel“ ist hier abrufbar:
https://www.youtube.com/watch?v=1yoUXLQuY8I&feature=youtu.be

1 Welcher Verlust-Moment hat dich geprägt?
Im April 2018 ist erst ganz unerwartet mein Exfreund verstorben. Drei Monate später verstarb mein Bruder nach längerer Krebserkrankung. Wenn ich ehrlich bin, bin ich immer noch dabei, beide Ereignisse zu verstehen und zu verarbeiten. Geprägt hat mich beides bis heute definitiv.

2 Was ist deine erste Erinnerung an den Tod?
Als ich noch ziemlich jung war ist mein Opa gestorben. Da wir keine besonders enge Bindung hatten, habe ich das damals gar nicht richtig verstanden. Wir waren dann öfters mal auf dem Friedhof, und ich fand es immer schön da, weil es so viele Eichhörnchen gab.

3 Hast du eine Überzeugung, die sich mit den gesellschaftlichen Konventionen von Trauer nicht verträgt?
Ich bin davon überzeugt, dass Trauer nicht nur traurig und dunkel ist. Trauer kann das lebendigste Gefühl überhaupt sein. Nichts hat mich dermaßen inspiriert, motiviert und stark gemacht, oder mich die Schönheit der Welt fühlen lassen, als das Wissen von meinen dunkelsten Abgründen und meiner Sterblichkeit.

4 Wann hast du aus dem Gefühl eines erlittenen Verlustes heraus geweint?
Puh, das letzte Mal heute beim Frühstück mit einer Freundin. Wir haben über meine Arbeit im Bereich der Trauer gesprochen, und dann meinte ich, dass ich manchmal immer noch nicht begreife, dass mein Bruder wirklich nicht mehr hier ist.

5 Hattest du schon mal das Gefühl, unsterblich zu sein?
Ich kenne Momente von tiefem Glück oder voller Adrenalin, aber wirklich bewusste Unsterblichkeit habe ich dadurch noch nicht gefühlt. Das Gefühl als Künstlerin etwas zu kreieren, was mich hoffentlich überleben wird, kommt da schon näher ran.

6 Wann hast du dich besonders ohnmächtig gefühlt?
Neulich hat mir eine dunkelhäutige, in Deutschland geboren und aufgewachsene Freundin von ihren Rassismuserfahrungen im Alltag erzählt, was mich sehr betroffen gemacht hat. Auch das ist eine Form von (kollektiver) Trauer, für die wir achtsamer und einfühlsamer werden müssen.

7 Wenn die Welt in einem Jahr untergeht – was wäre bis dahin deine Aufgabe?
Meine Aufgabe wäre es, ehrliche Kunst zu machen, und dabei über die Themen zu sprechen, die wir sonst nur schwer ausdrücken können. Einerseits würde ich hart arbeiten, um damit möglichst viele Menschen zu erreichen. Aber wenn ich wirklich nur noch ein Jahr hätte, würde ich es mir andererseits auch ausgiebig gut gehen lassen und viel Zeit am Meer verbringen. Selbstheilung ist schließlich auch eine Aufgabe.

8 Bist du lieber dafür oder dagegen?
Ich bin prinzipiell dafür, solange es niemandem schadet.

9 Welche Überzeugungen in Bezug auf den Tod hast du über Bord geworfen?
Ich habe mich von dem Gedanken verabschiedet, dass der Tod und das Leben nicht gleichzeitig passieren können.

10 Hast du bereits eine/n Freund*in betrauert?
Ich war erst mit dem plötzlichen Tod meines Exfreundes konfrontiert. Obwohl wir keinen Kontakt mehr hatten, war er eine sehr wichtige Person in meinem Leben und sein Verlust ein großer Schock für mich. Ich dachte immer, dass wir mit der Zeit zumindest als Freunde wieder zueinander finden werden.
Als etwas später mein großer Bruder starb, war das auch, wie einen Freund zu verlieren. Eigentlich war er mein bester Freund, meine wichtigste Bezugsperson. In der Zeit seiner Krankheit musste ich langsam lernen, ihn gehen zu lassen, was auch schon ein Teil meines Trauerprozesses war.

11 Welche Ansicht deiner Eltern zum Thema Tod und Trauer war dir als Jugendliche peinlich?
Es ist erschreckend, wie wenig wir darüber gesprochen haben, deshalb fällt mir hier gar keine Antwort ein.

12 Welche Phrase zum Thema möchtest du verbieten?
„Viel Kraft“ – zumindest wenn es zu häufig von unbeteiligten Personen gesagt wird. Ich weiß, dass das nett gemeint ist und auch oft einer Hilflosigkeit entspringt. Als Trauernde wollte und will ich aber nicht immer Kraft spüren. Ich will auch einen ganzen Tag mal nur im Bett liegen und heulen. Warum denn immer stark sein? Warum wünscht mir nicht mal jemand „Mut zur Schwäche?“

13 Ist der Tod ein Mann oder eine Frau – oder divers?
Für mich ist der Tod nichts von all dem. Er ist für mich so wenig greifbar, dass er genauso gut ein Windstoß sein könnte, eine Farbe, ein Schmerz, eine schwere Decke, ein sehr helles Licht oder das schwärzeste Schwarz. Er ist die einzige Sicherheit im Leben und trotzdem nicht zu verstehen. In aller Traurigkeit, die er hinterlässt, ist er auch sehr faszinierend.

14 Und die Trauer?
Meine Trauer ist weiblich, da ich mich als weiblich identifiziere und sie ein Teil von mir ist. Ich kann hier nur von meiner eigenen Trauer sprechen, und sie ist ein bisschen wie ich selbst: wild, aber nicht unbedacht. Sie kommt, um zu bleiben, sie nimmt sich Zeit, stellt Fragen, versucht zu verstehen, und kommt in den unpassendsten Momenten auf verrückte Ideen.

15 Was fehlt unserer Gesellschaft in Bezug auf Trauer?
Aufklärung und Ehrlichkeit. Wir alle werden sterben, und vorher vermutlich jemanden verlieren, den/die wir lieben. Und das wird höllisch wehtun.
Der Tod passiert in unserer Gesellschaft gefühlt nur in Altenheimen oder Krankenhäusern, so lange, bis es uns den Boden unter den Füßen wegzieht, weil wir selbst damit konfrontiert werden. Würden wir offener darüber sprechen, könnten wir uns emotional auch ein bisschen besser auf unsere eigene Trauer und Menschen, die trauern, einstellen.

16 Bist du Teil der Lösung eines relevanten gesellschaftlichen Problems?
Ich hoffe doch, sonst würden wir nicht dieses Interview führen. Ich glaube, dass wir schon ein relevantes gesellschaftliches Problem lösen, indem wir den Mut fassen, ehrlich über unsere Gefühle zu sprechen. Warum lernen wir das nicht in der Schule, statt Exponentialgleichungen?

17 Ein Buch über Tod und Trauer, das man gelesen haben sollte.
„Hallo Mr. Gott, hier spricht Anna“ – es handelt nicht primär von Tod und Trauer. Aber von den kindlichen, existenziellen Fragen, die mit diesen Themen einhergehen. Von allen Büchern auf der Welt würde ich dieses wohl am ehesten empfehlen.
Ein Trauerratgeber, der mir sehr geholfen hat, war „Meine Trauer wird dich finden“ von Roland Kachler, und „Oskar und die Dame in Rosa“ fiel mir auf einem Trauerseminar in die Hände und bewegte mich sehr.

18 Der beste Witz über den Tod?
Als mein Bruder noch gelebt hat, aber schon krank war, haben wir oft sowas gesagt wie: „Pass auf, davon kann man Krebs bekommen.“, was uns geholfen hat, die Gesamtsituation mit etwas mehr Ironie und Leichtigkeit sehen zu können. Er war auch eine sehr humorvolle Person. Einmal standen wir nach seiner Chemotherapie beim Bäcker, dort gab es ein „Kerngesund Brot“ (mit sehr vielen Kernen) – und wir haben uns gefragt, ob ihn das wohl noch heilen könnte. Gekauft haben wir es aber nicht. Hätten wir mal.

19 Hast du Angst vor dem Sterben?
An dieser Stelle möchte ich Mascha Kaleko zitieren:

„Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.“

20 Was macht dir Hoffnung?
Da denke ich zunächst an die vielen, vielen offenen und einfühlsamen Menschen um mich herum, die zuhören können und Mut machen, denen gutes Essen und gemeinsame Zeit mindestens genauso wichtig sind wie arbeiten, die achtsam sind mit sich und ihren Mitmenschen. Und ich denke an den Wandel in unserer Gesellschaft, mentale Krankheit und Gesundheit zum Thema zu machen, darüber ehrlich zu sein und es sein zu dürfen. Und zuletzt macht mir Hoffnung, dass ich mir sicher bin, dass mein Bruder da noch irgendwo ist, und unsere Geschichte bestimmt noch nicht vorbei ist.

Foto: Norman Staron

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