#71 Sommerinterview mit Imanuel Schipper – „Wie verletzlich wir sind“

Der Fragebogen zum Thema Verlust, Tod und Trauer. Inspiriert vom wöchentlichen politischen Fragebogen der ZEIT stelle ich Menschen von nebenan, aus unseren Reihen sowie dem öffentlichen Leben in und um Oldenburg stets dieselben 20 Fragen, um zu erfahren, was sie als denkende und fühlende Menschen in Bezug auf das Thema ausmacht – und wie sie dazu wurden.

Imanuel Schipper, 50 Jahre, Dramaturg und Theaterwissenschaftler.

1 Welcher Verlust-Moment hat dich geprägt?
Der Tod meines Vaters – erst als er nicht mehr da war, habe ich verstanden, was er mir bedeutete.

2 Was ist deine erste Erinnerung an den Tod?
Eine Todgeburt eines Kalbes (mein Vater wer Tierarzt). Das schlaffe Runterfallen des Kopfes des Kalbes. Später – mit 11 oder 12 – ist der Bruder eines Klassenkameraden tödlich verunfallt und ich erinnere mich an die Beerdigung – die gefühlte Trauer im Raum war eine totale Überforderung für mich – und ich musste ständig ein Lachen unterdrücken.

3 Hast du eine Überzeugung, die sich mit den gesellschaftlichen Konventionen von Trauer nicht verträgt?
Trauer kann viele Gesichter haben. Ich kenne nicht nur das für mich peinliche Grinsen an der Beerdigung – sondern auch das Verdrängen von Trauer – oder eine Wut auf die Abwesenheit meines Vaters nach seinem Tod.

4 Wann hast du aus dem Gefühl eines erlittenen Verlustes heraus geweint?
Kann ich mich nicht mehr erinnern.

5 Hattest du schon mal das Gefühl, unsterblich zu sein?
Ja. Tatsächlich – Beim Vorgang einer Vollnarkose – in dem kurzen Moment bevor das Bewusstsein total weg ist. Ein wunderbares Gefühl – aber nur sehr sehr kurz.

6 Wann hast du dich besonders ohnmächtig gefühlt?
Wenn ein Streit eskaliert.

7 Wenn die Welt in einem Jahr untergeht – was wäre bis dahin deine Aufgabe?
Möglichst vielen Menschen eine Freude machen. Und alles genießen.

8 Bist du lieber dafür oder dagegen?
Dafür.

9 Welche Überzeugungen in Bezug auf den Tod hast du über Bord geworfen?
Dass der Tod das Ende ist. Dass der Tod die Erlösung ist. Dass das Leben nach dem Tod weitergeht

10 Hast du bereits einen Freund oder eine Freundin betrauert?
Nein.

11 Welche Ansicht deiner Eltern zum Thema Tod und Trauer waren dir als Jugendliche*r peinlich?
Weiß ich nicht mehr. Der Tod von Tieren war bei uns zu Hause ziemlich präsent, bestimmt jede Woche gab es einen Transport in die Kadaversammelstelle. Hingegen der Tod (oder das Sterben) von Menschen war – so erinnere ich mich – fast inexistent.

12 Welche Phrase zum Thema möchtest du verbieten?
Keine.

13 Ist der Tod ein Mann oder eine Frau – oder divers?
Weder noch. Der Tod ist ein „Aus“ der Lebensfunktionen – und eine Transformation in etwas anderes.

14 Und die Trauer?
Die Trauer ist ein schwerer, kräftiger, dumpfer Mann und eine dunkle, unnachgiebige, stechende Frau.

15 Was fehlt unserer Gesellschaft in Bezug auf Trauer?
Hmmm. Vielleicht eine Akzeptanz auch in der Öffentlichkeit, im öffentlichen Raum. Ein Akzeptanz auch dafür, dass Trauer lange nach einem Ereignis wieder auftreten kann – auch unabhängig einer offensichtlichen Verbindung zu einem Ereignis.

16 Bist du Teil der Lösung eines relevanten gesellschaftlichen Problems?
Hoffentlich. Das soll jemand anderes und etwas später beurteilen.

17 Ein Buch über Tod und Trauer, das man gelesen haben sollte.
Winnetou.

18 Der beste Witz über den Tod?
Was ist grün, klein und rund? Ein Sterbschen.

19 Hast du Angst vor dem Sterben?
Noch nicht.

20 Was macht dir Hoffnung?
Dass jeden Morgen die Sonne aufgeht – und meine Kinder.

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