#72 Interview mit Dr. Carmen Breuckmann-Giertz – „Wie verletzlich wir sind“

Der Sommer ist vorbei. Die Interviewreihe noch nicht: Der Fragebogen zum Thema Verlust, Tod und Trauer. Inspiriert vom wöchentlichen politischen Fragebogen der ZEIT stelle ich Menschen von nebenan, aus unseren Reihen sowie dem öffentlichen Leben in und um Oldenburg stets dieselben 20 Fragen, um zu erfahren, was sie als denkende und fühlende Menschen in Bezug auf das Thema ausmacht – und wie sie dazu wurden.

Dr. Carmen Breuckmann-Giertz, 44 Jahre. Theologin, Studiendirektorin für Gymnasien, aber zunächst und aktuell leidenschaftliche Mama in Elternzeit.

1 Welcher Verlust-Moment hat Sie geprägt?
Der Tod meiner Großmutter.

2 Was ist Ihre erste Erinnerung an den Tod?
Der Tod meines Großvaters.

3 Haben Sie eine Überzeugung, die sich mit den gesellschaftlichen Konventionen von Trauer nicht verträgt?
Eine Trauerfeier darf ein buntes Fest dankbarer Erinnerung für gemeinsame Lebenszeit mit dem Verstorbenen sein und muss nicht zwingend in Schwarz stattfinden.

4 Wann haben Sie aus dem Gefühl eines erlittenen Verlustes heraus geweint?
Bei dem Bewusstsein, im jetzigen Leben die Person nicht mehr wiedersehen zu können.

5 Hatten Sie schon mal das Gefühl, unsterblich zu sein?
Nein.

6 Wann haben Sie sich besonders ohnmächtig gefühlt?
Wenn ich als Kind von Erwachsenen vor vollendete Entscheidungen gestellt wurde, ohne sie verstehen zu können.

7 Wenn die Welt in einem Jahr untergeht – was wäre bis dahin Ihre Aufgabe?
Mit meinem Mann und unserem Sohn noch einmal in Tansania, meinem heimatlichen Geburtsland, unter einer Schirmarkazie gesessen haben und gemeinsam dankbar für die Weite des Lebens und die Schöpfung zu sein.

8 Sind Sie lieber dafür oder dagegen?
Dafür.

9 Welche Überzeugungen in Bezug auf den Tod haben Sie über Bord geworfen?
Die alte Lehre von der Trennung von Leib und Seele.

10 Haben Sie bereits einen Freund oder eine Freundin betrauert?
Ja.

11 Welche Ansicht Ihrer Eltern zum Thema Tod und Trauer war Ihnen als Jugendliche peinlich?
/

12 Welche Phrase zum Thema möchten Sie verbieten?
„Nur ich entscheide über Zeitpunkt und Art meines Todes, weil es mein Recht ist.“

13 Ist der Tod ein Mann oder eine Frau – oder divers?
Divers.

14 Und die Trauer?
Bunt und begleitet.

15 Was fehlt unserer Gesellschaft in Bezug auf Trauer?
Ein deutliches JA!

16 Sind Sie Teil der Lösung eines relevanten gesellschaftlichen Problems?
Als Mensch in dem Maße, wie es alle sind.

17 Ein Buch über Tod und Trauer, das man gelesen haben sollte.
Eric-Emmanuel Schmitt: „Oskar und die Dame in Rosa.“

18 Der beste Witz über den Tod?
/

19 Haben Sie Angst vor dem Sterben?
Ja.

20 Was macht Ihnen Hoffnung?
Dass ich nicht alleine sterben muss, weil es Menschen gibt, die diesen Weg mit mir gehen und mit denen ich auf unser Wiedersehen hoffen darf.

Was noch gesagt werden sollte?
„Am Ende zählt der Mensch“. Das meint hospizliche Haltung in jeder Begleitung, die niemals durch die Hand, sondern immer an der Hand eines anderen geschieht. Das bleibt unser Kompass und gesellschaftlicher Imperativ!

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