#73 Interview mit Harry Potter – „Wie verletzlich wir sind“

Der Fragebogen zum Thema Verlust, Tod und Trauer. Inspiriert vom wöchentlichen politischen Fragebogen der ZEIT habe ich in den letzten Monaten Menschen von nebenan, aus unseren Reihen sowie dem öffentlichen Leben in und um Oldenburg stets dieselben Fragen gestellt, um zu erfahren, was sie als denkende und fühlende Menschen in Bezug auf das Thema ausmacht – und wie sie dazu wurden. In diesem Beitrag ein besonderes Interview.

Perspektive: Harry Potter nach dem Krieg, Alter: 18 oder älter. Interviewpartnerin: Lilo, 21, Studentin.

1 Welcher Verlust-Moment hat dich geprägt? Es wird jetzt wahrscheinlich erwartet, dass ich sage, der Tod meiner Eltern. Der Tod von meiner Mom und meinem Dad. Und klar hat das mein Leben geprägt, ich bin nicht mit ihnen aufgewachsen. Aber ich war ja noch ein Baby, das ist kein ‚Moment‘, an den ich mich erinnere.
Am meisten geprägt hat mich wahrscheinlich der Tod von Cedric, und der von Sirius. Cedric, weil – ich meine, ich war ja noch ein Kind. Und er ist direkt vor mir gestorben. Ermordet worden. Es war so nutzlos und ich konnte ihm nicht helfen und – also, ich weiß natürlich, dass es nicht meine Schuld war. Es war einzig und allein die Schuld von Voldemort und den Todessern. Aber manchmal ist es schwer, das ganz zu glauben. Ich stand ja direkt daneben. Ich hatte Cedric kaum gekannt, aber irgendwie ja doch – und dann war er plötzlich tot. Und das hat mir gezeigt, wie jemand einfach plötzlich nicht mehr da sein kann. Alle anderen, also meine Eltern und ihre Freunde, waren ja schon tot seit ich ein Baby war.
Sirius Tod hat mich sehr getroffen, weil wir uns wirklich nahe waren. Er war mein Patenonkel. Wir haben nie wirklich lange zusammen gewohnt, weil er immer auf der Flucht war… Aber er war trotzdem sehr wichtig für mich. Ich denke, wir hätten uns noch viel besser kennenlernen können, wenn wir die Chance gehabt hätten, ohne Krieg mal zusammenzuleben. Als Sirius gestorben war, war das wie ein Schlag ins Gesicht für mich. Ich hatte endlich so etwas wie ein Elternteil gefunden, und dann war ich auf einmal wieder ein richtiges Waisenkind… Ich denke, ich werde Sirius immer vermissen.

2 Was ist deine erste Erinnerung an den Tod? Meine erste Erinnerung an den Tod ist meine erste Erinnerung überhaupt. Ich wusste lange nicht, was in der Erinnerung überhaupt passiert war, aber ich erinnere mich an einen grünen Blitz, den Avada Kedavra Fluch, als Voldemort meine Mutter getötet hat.


3 Wann hast du aus dem Gefühl eines erlittenen Verlustes heraus geweint? Ich habe oft geweint, wenn ich an meine Eltern gedacht habe und auch nach Sirius‘ Tod. Außerdem kann ich mich genau erinnern, geweint zu haben, als wir Dobby beerdigt haben. Früher hatte ich immer versucht, es zu verstecken, wenn ich mich so traurig gefühlt hatte, weil meine Tante und mein Onkel es nicht gemocht haben, wenn ich mich ’so angestellt‘ hatte, aber auch weil ich als ‚der Junge, der überlebt hat‘ in der magischen Welt nicht so verletzlich aussehen wollte. Jetzt denke ich, dass es wichtig ist, auch mal weinen zu können.

4 Hattest du schon mal das Gefühl, unsterblich zu sein? Nicht wirklich. Ich meine, ich wurde zweimal mit dem Avada Kedavra Fluch getroffen und habe überlebt, aber das war ja nicht wegen mir, sondern weil meine Mutter sich für mich geopfert hat. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich deswegen unsterblich bin, sondern hatte eher Angst, dass das nächste Mal auch das letzte Mal sein würde. Am ehesten fühle ich mich unverwundbar, wenn ich mit meinen Freunden zusammen bin. Wenn alles gut ist und alle lachen, und es sich so anfühlt, als könnte die Welt stillstehn.

5 Wann hast du dich besonders ohnmächtig gefühlt? Besonders ohnmächtig habe ich mich gefühlt, als wir auf der Suche nach den Horkruxen im Radio von neuen Todesfällen gehört haben, und es nichts gab, was wir dagegen hätten tun können…

6 Wenn die Welt in einem Jahr untergeht – was wäre bis dahin deine Aufgabe? Oh, daran will ich garnicht denken. Ich würde nur hoffen, dass es nicht wieder meine Aufgabe ist, die Welt zu retten. Einmal hat gereicht.

7 Bist du lieber dafür oder dagegen? Ich bin es so gewohnt, dagegen sein zu müssen – ich bin froh, wenn ich mal für etwas sein kann.

8 Welche Überzeugungen in Bezug auf den Tod hast du über Bord geworfen? Dass es nach dem Tod zuende ist! Ich will zwar nie als Gespenst hier bleiben, aber ich glaube, dass auch so irgendetwas nach dem Tod auf mich wartet. 

9 Hast du bereits einen Freund oder eine Freundin betrauert? Im Krieg, besonders in der letzten Schlacht von Hogwarts, sind viele Freunde von mir ums Leben gekommen. Schon davor ist mein Freund Dobby, der Hauself, ums Leben gekommen – er ist in meinen Armen gestorben. Ich hoffe, dass ich ihm in seinen letzten Sekunden helfen konnte.


10 Welche Phrase zum Thema möchtest du verbieten? Ich hasse es, wenn mir jemand sagt, wie stark ich doch bin, weil ich den Krieg überlebt habe und weil ich damit klarkommen muss, dass so viele Leute gestorben sind. Ich fühle mich überhaupt nicht stark deswegen.


11/12 Ist der Tod ein Mann oder eine Frau – oder divers? Und die Trauer? Ich glaube nicht, dass der Tod eine Person ist. Klar, in Märchen wie dem von den Drei Brüdern ist es eine Gestalt in einem schwarzen Umhang und ‚der Tod sprach zu ihnen‘ und so, aber ich glaube, Tod ist kein jemand, Tod ist etwas, das passiert, und die Trauer passiert danach den Lebenden.


13 Was fehlt unserer Gesellschaft in Bezug auf Trauer? In der magischen Welt gibt es so gut wie keine Therapeutinnen oder Therapeuten. Hexen und Zauberer denken immer, dass sie alles mit Magie wieder hinbiegen können, aber den Tod kann man nunmal selbst mit Magie nicht rückgängig machen, und Trauer genauso. Viele Leute fressen das so in sich hinein und reden nie darüber, da fehlen einfach professionelle Leute und auch die Akzeptanz in der Gesellschaft für solche Berufe.


14 Hast du Angst vor dem Sterben? Einer der weisesten Männer den ich ja kannte, hat einmal gesagt, der Tod sei für den gut vorbereiteten Geist nur das nächste große Abenteuer. Ich hoffe, dass ich das auch so sehen kann, wenn die Zeit für mich gekommen ist.


15 Was macht dir Hoffnung? Neue Generationen! Kinder, junge Leute, die auch nach mir noch da sein werden und magische Dinge vollbringen können.

Disclaimer: Dieses Interview ist nicht zusammen oder in Kooperation mit J.K. Rowling entstanden. Die Personen hinter dem Interview sind weder mit J.K. Rowling persönlich bekannt, noch vertreten sie ihre Meinungen. Harry Potter und alle weiteren genannten Charaktere gehören J.K. Rowling; wir leihen sie für dieses Interview nur aus und verdienen kein Geld damit.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s