#74 Interview mit Dr. Thomas Demmer – „Wie verletzlich wir sind“

Heute der Abschluss meiner Interviewreihe: Der Fragebogen zum Thema Verlust, Tod und Trauer. Inspiriert vom wöchentlichen politischen Fragebogen der ZEIT habe ich über mehrere Monate Menschen von nebenan, aus unseren Reihen sowie dem öffentlichen Leben in und um Oldenburg stets dieselben 20 Fragen gestellt, um zu erfahren, was sie als denkende und fühlende Menschen in Bezug auf das Thema ausmacht.

Dr. Thomas Demmer, 46 Jahre alt. Leitender Oberarzt, Interdisziplinäres Palliativzentrum, Evangelisches Krankenhaus Oldenburg.

1 Welcher Verlust-Moment hat Sie geprägt? Im Grunde genommen sind Verluste immer prägend und wirken sich auf zukünftige Entscheidungen aus. Einen tiefgreifenden Verlust-Moment kann ich dabei nicht herausstellen.

2 Was ist Ihre erste Erinnerung an den Tod? Der Tod meiner Großmutter hat mich als Kind sehr beschäftigt. Es war damals die Entscheidung meiner Eltern, mich und meinen Bruder nicht zur Beerdigung und Trauerfeier mitzunehmen. Ich habe lange nicht verarbeiten können, dass sie nicht mehr da ist. Die erste Erinnerung an den Tod ist für mich die Erinnerung an Jahre der Ungewissheit und des Unverständnisses.

3 Haben Sie eine Überzeugung, die sich mit den gesellschaftlichen Konventionen von Trauer nicht verträgt? Meiner Überzeugung nach ist Trauer etwas sehr individuelles und kann und darf nicht an gesellschaftlichen Maßstäben gemessen werden. Wer weinend, singend oder lachend seine Trauer ausdrücken möchte, soll dies auch tun.

4 Wann haben Sie aus dem Gefühl eines erlittenen Verlustes heraus geweint? Vor wenigen Wochen ist ein guter Freund von mir verstorben. Der Verlust hat mich sehr betroffen und Tränen sind viele geflossen.

5 Hatten Sie schon mal das Gefühl, unsterblich zu sein? Als Kind wünscht man sich „Superkräfte“ zu haben und unsterblich zu sein. Damals habe ich mir dies oft gewünscht. In vielen intensiven Gesprächen mit hochbetagten Menschen habe ich mittlerweile die Erkenntnis erlangt, dass, sich unsterblich zu fühlen, eher als Unglück empfunden wird.

6 Wann haben Sie sich besonders ohnmächtig gefühlt? Vor Jahren erkrankte meine Mutter an Krebs. Ich habe mich in dieser Zeit ohnmächtig und sprachlos gefühlt.

7 Wenn die Welt in einem Jahr untergeht – was wäre bis dahin Ihre Aufgabe? Wenn es nicht mehr möglich sein sollte, die Welt zu retten, würde ich mit meiner Familie auf Reisen gehen. Damit wir wenigstens noch kleine Wunder erleben können.

8 Sind Sie lieber dafür oder dagegen? Ich bin lieber dafür. Es gibt mir mehr, etwas zu gestalten, als nur zu versuchen, etwas zu verhindern.

9 Haben Sie mal einen Freund oder eine Freundin betrauert? Ich habe im Mai dieses Jahrs einen guten Freund verloren. In den letzten Monaten habe ich ihn sehr intensiv begleitet, und die Trauer dauert noch an.

10 Welche Ansicht Ihrer Eltern zum Thema Tod und Trauer waren Ihnen als Jugendliche*r peinlich? Der Tod war eigentlich kein Thema, aber meine Eltern sind sehr aufgeklärte, naturwissenschaftlich ausgerichtete Menschen. Daher wäre dort keine Peinlichkeit entstanden.

12 Welche Phrase möchten Sie verbieten? Darüber spricht man nicht.

13 Ist der Tod ein Mann oder eine Frau – oder divers? Der/die/das Tod hat viele Facetten, er/sie/es kann gnädig und gütig sein, aber er kann auch brutal, rücksichtslos und ein richtiges A… sein. Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle.

14 Und die Trauer? Genauso verhält es sich mit der Trauer. Man kann sie nur nicht so gut erkennen. Sie findet in den Menschen statt und ist auch Ausdruck des individuellen Erlebens und Verarbeitens. Geschlechtsdimensionen reichen auch hier nicht aus, um Trauer zu erfassen.

15 Was fehlt unserer Gesellschaft in Bezug auf Trauer? Die Fähigkeit der Trauernden, sich helfen zu lassen und Hilfe anzunehmen, gerade von professionellen Helfern. Zu viele setzen sich alleine mit ihrer neuen Trauersituation auseinander und meinen, es alleine schaffen zu müssen. Gerade an diesem Punkt ist es jedoch wichtig, so viel Unterstützung wie möglich zu haben.

16 Sind Sie Teil eines relevanten gesellschaftlichen Problems? Ich denke, die Probleme liegen in unserer gesellschaftlichen Mentalität – bezogen auf den Umgang mit Tod und Trauer. Der Trauer eine Stimme zu geben und ein Gesprächs-/Hilfsangebot zu machen, kann schon sehr viel verändern.

17 Ein Buch über Tod und Trauer, das man gelesen haben sollte. „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger.

18 Der beste Witz über den Tod? Was waren die letzten Worte des Sportlehrers? Alle Speere zu mir.

19 Wovor haben Sie Angst? Dass mir der Himmel auf den Kopf fällt und noch ein paar anderen Sachen. Immerhin keine Angst vor Spinnen.

20 Was macht Ihnen Hoffnung? Lachen, Fröhlichkeit, Hilfsbereitschaft und die Tatsache, dass ich jetzt diesen Fragebogen beendet habe. Jetzt habe ich die Hoffnung auf einen schönen Feierabend.

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