#109 „Ich bin nicht krank, ich sterbe nur!“ Teil 1 von Renate Lohmann

In meinem ersten Beruf war ich Altenpflegerin und habe 18 Jahre in der Pflege, hauptsächlich stationäre Altenpflege, gearbeitet. Vielleicht kommen meine Überlegungen schon aus dieser Zeit, basierend auf meinen Erfahrungen. Diese konnte ich während meines Studiums der Pädagogik in Oldenburg auf vielfältige Weise reflektieren, auch in meiner Diplomarbeit „Unsere Schwestern sind so lieb“. Schlüsselqualifikationen und deren Vermittlung in der Altenpflege. All dieses erworbene Wissen konnte ich dann einige Jahre in meiner Tätigkeit in der Berufsfachschule für Altenpflege und Physiotherapie wieder weitergeben und weiterdenken. Nun bin ich seit 20 Jahren in der ambulanten Hospizarbeit tätig und es scheint, als ob diese Arbeit alles vorher Geschehene verbindet. Ursprung und Weiterbildung, immer habe ich mich mit dem Altern, mit Gesundheit, Krankheit und Entwicklung beschäftigt. 

In diesem Text geht es mir darum, deutlich zu machen, wie sehr wir das Sterben pathologisieren. Mitarbeitende in der Medizin, Pflege und natürlich in allen anderen Fachrichtungen, die sich mit Menschen beschäftigen, sind grundsätzlich in ihrem Handeln von dem zugrundliegenden Menschenbild abhängig. 

Die heutige Schulmedizin und auch das gängige Bild in der Pflege orientieren sich an einem naturwissenschaftlichen Verständnis von Menschen mit psychischen und sozialen Dimensionen. Der norwegische Autor André Bjerke bezeichnet dieses Denken als das „Bloß – Prinzip“. Gefühle und andere innere Erlebnisse seien bloß biologische Vorgänge, Bewusstsein bloß neuronale Aktivität. 

Diesem Konzept zufolge ist Krankheit eine beschreibbare Fehlfunktion des Körpers, der durch Vorsorge, Unterdrückung beziehungsweise Einstellung zu begegnen sei. Wenn das nicht gelingt, ist der Mensch krank, schwer krank, lebenslimitierend krank, lebensbedrohend krank … und als Endprodukt tot oder sterbenskrank? 

Der traditionelle medizinische, pflegerische und auch psychosoziale Blick scheint – wie bereits erläutert – Sterben zu reduzieren auf: Die Suche nach Problemen, nach Symptomen, die nicht in die jeweilige individuelle, kulturelle oder fachliche Konstruktion von Gesundheit passen. Die das professionelle Bild vom Sterben mitunter kaputt machen. Sterben soll i.d.R. nicht als leidvoll erlebt werden. Nach genau diesem Leid, oftmals aus Sicht von außen bewertet, wird gefahndet. Symptome werden gesucht. Wenn dann Symptome gefunden werden, allen bekannt Schmerzen, Atemnot, Appetitlosigkeit, Unruhe, nicht genug trinken wollen, Depression, nicht compliant sein etc. dann kann endlich etwas getan werden. Symptomkontrolle hin zur Symptomfreiheit. Wenn die erreicht ist, was ist denn dann da? Rückführung in eine vergangene Gesundheit? Oder kontrollierte Krankheit? 

Ich sage dazu, dass Sterben nicht gleich zu setzen ist mit Kranksein! Der von mir sehr geschätzte Arzt Dr. Zernikow aus Datteln sagte mal: „Ärzt*innen sind sehr wichtig in der Behandlung von Menschen, doch wenn es ans Sterben geht, dann muss der Arzt den Raum verlassen, das ist die Zeit der Familie.“ Genau das meine ich damit, wenn ich sage, Sterben und Kranksein ist nicht das Gleiche und gehört nicht zwingend immer unmittelbar zusammen, z.B. mit Gedanken an alte und hochaltrige Menschen ist es zu eindimensional gedacht, wenn Altwerden nur verstanden wird als Abbau – rein auf der somatischen Ebene. 

Eine zukunftsorientierte Sichtweise auf Krankheit und Gesundheit geht von einem anderen Grundkonzept als Menschenbild aus. Das Ziel ist nicht die Rückführung in eine vergangene Gesundheit, sondern eine zukunftsorientiere Heilung: Gesundheit kann nicht nur verbraucht werden, sondern auch in jeder Phase des Lebens geschaffen werden. Vorausgesetzt, mein Menschenbild geht nicht davon aus, dass Menschen nur eine körperliche Dimension hätten. 

„Die Gesundheit eines Menschen ist (…) eben nicht ein Kapital, das man aufzehren kann, sondern sie ist überhaupt nur dort vorhanden, wo sie jeden Augenblick erzeugt wird“, so formulierte es der Mediziner Viktor von Weizäcker. 

Was soll das nun alles, mögen Sie sich fragen. Spökenkiekerkrom!? Dor hät se sick wat schlauet utdacht! Ne, dat hät se nich. 

Wenn ich eine andere Sicht auf das Sterben bekomme, dann kann sich auch mein Verhalten mir und anderen gegenüber verändern. Und das scheint mir für eine zukunftsfähige Hospiz- und Palliativarbeit nötig zu sein. Ein Stück weit ist das auch ein Wiederaufgreifen von Hospizwerten, allerdings aus meiner Sicht mit einer bewussteren reflektierten Sprache und mehr Selbstbewusstsein! 

Mit welchem Selbstkonzept von Krankheit und Gesundheit schaue ich auf das Sterben der Anderen oder auf meinen eigenen zu erwartenden Tod? 

Sterben als Leid, als Strafe, als verlorenen Lebenskampf, als natürlichen Vorgang, als etwas Besonderes, als ein essentielles Erlebnis, als einen eigenen Lebensabschnitt, als Niederlage, als Versagen oder vielleicht als ein heiliges Geschenk? 

Eine differenzierte Sicht kann ich entwickeln, wenn ich Gesundwerden als einen Prozess begreife, der im Körperlichen zum Heilen, im Seelischen oder Psychischen zu vielfältigen Reifungsprozessen und auf der Ebene des individuellen Wesens des Menschen zu Befähigung und Entwicklung führt, dann kann ich den Menschen nicht mehr nur auf körperliche Symptome reduzieren. 

Dann kann ich anerkennen, dass auch im Sterben Entwicklung liegt. Und nun ist das nicht gemeint als rosa Gerede, sondern als ganz praktische Handlungsleitung zur Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität im Sterben. Und natürlich muss ich körperliche Prozesse behandeln, nur die Sicht darauf darf sich nicht einschränken. 

Hier ein ganz praktisches Beispiel aus unserer, vielleicht auch Ihrer täglichen Praxis:

Wir haben so sehr in unserer Sprache verankert, dass der Tod das Endprodukt von schlechter gehen ist. Es geht ihm/ihr schlechter. Wir kommen immer in eine Ambivalenz. Auf der einen Seite ist es das Ziel, möglichst alles Leid zu nehmen oder mindestens zu mindern, auf der anderen Seite geht es dem Menschen, der stirbt, immer schlechter. Wie soll man das denn aushalten? 

Meine Antwort darauf ist, einen anderen Blick und damit auch eine andere Sprache zu entwickeln. Am Beispiel von Atempausen will ich das deutlich machen. Wenn ein Mensch, der stirbt, Atempausen hat, wird was in der Regel gesagt? 

Es geht ihm schlechter, er hat schon Atemaussetzer! 

Es geht ihm schlecht, der Notarzt muss gerufen werden, er hat Atemnot! 

Es geht ihm schlecht, er ringt um Atem. 

Es geht ihm schlecht, er quält sich. Es muss ihm doch geholfen werden! 

Wer hat hier Not? Der Mensch, dessen Körper wunderbar funktioniert! Oder der, der scheinbar „nichts mehr tun kann“? 

Welchen Blick kann ich stattdessen einnehmen und aussprechen (wohlgemerkt nicht bei einer akuten Atemnot, sondern bei einem Menschen, der stirbt): 

Es geht ihm gut, der Körper reagiert richtig zu diesem Zeitpunkt. 

Es geht ihm gut, er scheint sich auf den Weg zu begeben. 

Es ist gut, dass die Atempausen zu diesem Zeitpunkt kommen, es wirkt wie eine natürliche Beruhigung. 

Wie verändert sich dann auch mein Erleben, ich kann ruhig werden. Kann begleiten. Kann da sein! Brauche keinen Noteinsatz. Brauche keine weitere Morphinspritze, muss nicht rumagieren! Nein, ich kann ganz ruhig werden und das Wunder des Sterbens erleben. Darauf müssen wir die An- und Zugehörigen vorbereiten. Darin müssen wir sie begleiten und dann auch wieder gehen. Beruhigt und in Ruhe. Denn dann beginnt ein neuer Lebensabschnitt. 

Provokant? Dafür bin ich ja bekannt, hin und wieder das Querdenken anzuregen. Der Umgang mit Krankheit und Sterben als einen zum Leben gehörenden Prozess und nicht als einen zu kontrollierenden und standardisierenden Prozess betrachtet, gibt der Gemeinschaft und jedem Einzelnen die Möglichkeit zu reifen. 

Mein Fazit: Jeder ist Expert*in für sich selbst und kann die eigene Lebensqualität benennen. Wir, die begleiten, müssen „nur“ sorgsam hinschauen und hinhören.

Von Cordelia

2012 habe ich für die Stiftung Hospizdienst Oldenburg die Onlineplattform da-sein.de für trauernde und sterbende Jugendliche aufgebaut, die seit 03/2013 online ist.

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